Die Wendlandlinke und die Corona-Querfront

Seit Anfang Mai sieht sich die Linke in Deutschland mit einer neuen Querfrontbewegung konfrontiert. Tausende demonstrierten in Stuttgart gegen die Corona-Maßnahmen und zum Protest vor der Berliner Volksbühne rufen „Linke“ auf. Neben sozialen Ungleichheiten macht das Virus nun auch deutlich: die politische Linke hat ihren Hang zu Verschwörungsdenken nie in den Griff bekommen. Auch im niedersächsischen Wendland, seit Jahrzehnten bekannt für die Anti-Atom-Bewegung rund um das Endlager Gorleben, haben sich alternative Erzählungen zu Kapitalismus, Natur und Wissenschaft ausgebreitet – zum Glück nicht ganz unwidersprochen.

Eine Kundgebung von 40 Meditierenden wurde von kritischen Linken begleitet. Die Hinwendung zum Verschwörungsdenken verweist auch auf die Schwäche der Linken, keine Antworten auf Vereinzelung und Ohnmacht zu finden.

Die ersten Fetzen flogen bereits im vergangenen Jahr. Da hatten sich Aktive aus dem wendländischen Alternativ-Milieu zur „Wendlandinitiative Aufklärung über 5G-Mobilfunk“ zusammengetan – und prompt einen Referenten mit Kontakten bis ganz Rechtsaußen ins Kulturzentrum Verdo in Hitzacker eingeladen. Wir wiesen öffentlich darauf hin, dass der ins Haus geholte „Experte“ zum Beispiel ein Interview mit einem anderen „Experten“ auf seiner Homepage verlinkt hat, der sich wiederum mit Holocaustleugner*innen zum Ratschlag über „Zensur“ getroffen hat. Verschwörungstheoretiker*innen antworteten, sprachen von „klassischem Mobben gegen Mobilfunkkritiker“. Die Aktiven sahen sich zu Unrecht „in die Rechte Ecke gestellt“, wollten das Problem aber nicht wirklich bei sich selbst erkennen. Immerhin sind sie zu großen Teilen auch Mitglieder des irgendwie linken Anti-Atom-Widerstands, kämpfen also gegen die kapitalistische, strahlende Energietechnik und für den Erhalt einer quasi vorkapitalistischen Natur. „Hauptsache Castor“, wie einige das hier nennen.

Auch bei den großen Protestaktionen der Jugendlichen von Fridays for Future mischten Genoss*innen, vor allem älteren Semesters, mit, um die Mobilfunktechnik als Klimakiller zu brandmarken. Inzwischen gehört die 5G-Paranoia zum festen Bestandteil der bundesweiten und internationalen Verschwörungsideologien rund um die Corona-Krise. Entsprechende selbstgemalte Schilder sind fester Bestandteil der querfrontlerischen Protestfolklore – egal, ob Corona vom schlimmeren 5G ablenken oder das Virus umgekehrt über 5G-Funkwellen erst verbreitet worden sein soll. In einem aktuellen Leser*innenbrief in der Elbe-Jeetzel-Zeitung wiederum wird mit Bezugnahme auf die Anti-5G-NGO „Diagnose Funk“ behauptet, die 5G-Strahlung zerstöre das Immunsystem. Ein Pappschild auf einem Klimaprotest im Wendland, wo die Umweltbewegung seit Jahrzehnten sehr stark ist, warnte schon vergangenen Sommer: „5G versetzt der Erde den Todesstoß“. Wir warten noch immer und sagen mit Helge Schneider: „Ich bin jetzt schon total überrascht“.

Der Verschwörungsglaube zu angeblich gefährlichen Impfungen hat sich im Wendland ebenfalls ausgebreitet. Insbesondere rund um die freien Schulen unabhängiger Träger haben sich Elternkreise zusammengetan, die gegen das Impfen agitieren. Aufwind bekam diese Szene zuletzt, weil zum ersten März diesen Jahres die allgemeine Masernimpfpflicht für Schüler eingeführt wurde. Auf einer Kundgebung in der Innenstadt der Kreisstadt Lüchow machten die Impfgegner*innen dann ihrer Wut Luft – darunter wieder viele angebliche Linke. Auf Mailverteilern war man sich nicht so sicher, ob hier die körperliche Selbstbestimmung oder gleich der „Volkskörper“ unter Beschuss stünden. Links und Rechts spielte auch da eine untergeordnete Rolle, wenn es gegen „die da oben“ ging. Beispielsweise wurde zum Thema Impfen auch ein Video aus der Abtreibungsgegner*innenszene (sog. „Lebensschützer“) mit dem Kommentar gepostet, dass das jetzt zwar nicht besonders „queerfreundlich“, dafür aber wichtig sei. Verweise auf Seiten wie Kla.tv und KenFm gehören ebenfalls zu den Inhalten, die sich im alternativen Wendland via Internetdienst hin- und hergeschoben werden.

Bei der „Impfkritik“ vermischt sich ein Mangel an Aufklärung über die Funktionsweise von Wissenschaften mit einer undifferenzierten Ablehnung kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen und der Beschwörung von angeblicher Natürlichkeit. So sollen Kinder vermeidbare, gefährliche Krankheiten durchmachen, weil sie angeblich nur so ein normal funktionierendes Immunsystem entwickeln könnten. Das ist für nicht wenige Kids im Wendland schmerzliche Lebensrealität und auf dem besagten Meditationsprotest auf Lüchows Marktplatz hieß es auf einem Schild prominent: „Viren und Bakterien gehören zum Leben dazu“.

Die Verherrlichung einer intakten, unangetasteten Natur ist dabei jedoch ein naheliegender Kniff, das Bedrohliche am Natürlichen zu kontrollieren. Die natürliche Umwelt ist in diesem Weltbild nicht mehr das Ergebnis eines chaotischen Prozesses der Evolution und Konkurrenz, in dem sich der Mensch behaupten muss, wenn er leben will. Sie erfüllt Sinn darin, etwa das Immunsystem des Menschen zu schulen. Wird sie jedoch in diese Sinnfunktion eingebunden, erscheint sie auf den Menschen hin eingerichtet.

Gerade im Wunsch, der Natur ihre Freiheit, Geltung und Schönheit zurückzugeben, schützt sich ein solches Weltbild also vor der ganzen, drohenden Gewalt des Natürlichen – denn Krankheitserregern ist in Wahrheit prinzipiell egal, wessen Leben sie bedrohen, wenn sie ihn anfallen. Genau so gleichgültig sind sie den Antikörpern gegenüber, die ein Organismus nach bekämpfter Infektion produzieren kann. Ihnen fehlt schlichtweg Bewusstsein. Der Tod ist dabei die banalste, drohendste Implikation dieser prinzipiell nicht nach menschlichen Sinnkategorien aufgebauten „Natur der Natur“. Gerade in diversen Post-Hippie-Subkulturen, die sich auch im Wendland niedergelassen haben, ist die an den vermeintlichen Animismus angeblich primitiver Völker angelehnte Naturauffassung weit verbreitet. Als Animismus versteht man religiöse Strömungen, in denen Naturerscheinungen wie Tieren oder Pflanzen nicht nur die ihnen eigene Lebensfähigkeit, sondern Beseeltheit oder gar Göttlichkeit zugesprochen wird.

So lässt sich auch die Anfälligkeit alternativer Milieus für 5G-Verschwörungsideologien erklären. Die unspezifischen Krankheitsbilder, die 5G hervorrufen soll – von Stress über diffuse Schmerzen bis hin zu Krebs und anderen tödlichen Krankheiten – sind in Wahrheit Zivilisationskrankheiten der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Sie verschärft den natürlichen körperlichen Verfall, während sie es gleichzeitig vermag, die menschliche Lebenserwartung in der „Ersten Welt“ in früher ungeahnte Ausmaße zu steigern. Die Ohnmacht, die der sterbliche Mensch der Natur gegenüber prinzipiell erlebt, wird durch eine Gesellschaft zugespitzt, die von sich selber behauptet, nach den Naturgesetzen des Marktes zu funktionieren. Der Kapitalismus zeigt sich uns also wie eine zweite Natur.

Verschwörungsideologien sollen dem vereinzelten, machtlosen Individuum zumindest subjektiv das Gefühl von Einfluss zurückgeben – etwa im Selbstbild des kritischen Zweiflers, der die streng geheimen Pläne von Milliardären, Politikerinnen, Konzernchefs, Finanzkapital und Pharmaindustrie durchschaut. Der Gestus von Aufstand und Protest gehört naheliegenderweise zum kulturellen Kern der Linken. Sie hat damit jedoch schon immer Geister angezogen, denen es primär um das Ausagieren ihrer persönlichen, psychischen Spannungen ging, nicht um eine allgemeine Emanzipation der Menschheit. Findet der Aufstand woanders statt, in diesem Falle rechts, entdecken diese Genoss*innen ihre politische Flexibilität und quatschen Passant*innen in der Innenstadt Ausgaben des Grundgesetzes auf.

Durch die Personifizierung von allem Schlechten in der Welt in mächtigen Personen und Kreisen wird dieses Schlechte greifbar. Zumindest in der Theorie könnte man ihm körperlich habhaft werden: etwa durch Verhaftung oder Erschießung dieser benannten Personen, etwa Bill Gates. Die Phantasie schafft also einen imaginären Ausweg aus den allzu abstrakten Zwangsgesetzen der kapitalistischen Gesellschaft.

Aus dieser Trauergeschichte wird deutlich: die Linke schafft es nicht, die Ohnmacht zu politisieren, der sich das Individuum durch die Natur ausgesetzt sieht und die im Kapitalismus funktionabel gemacht wird. Hier taugt sie zur Rechtfertigung als auch zur Peitsche, mit der man an die Arbeit getrieben wird. Dieser Ohnmacht gegenüber einer Gesellschaft, die wie ein Naturgesetz auftritt, müsste die Linke etwas ganz anderes entgegensetzen: die Erringung echter, kollektiver Handlungsmacht der vereinzelten und entzweiten Unterdrückten.

Dass Gesellschaften mit dem drohenden Tod etwa durch das Coronavirus auch anders umgehen könnten, zeigt bereits ein so schlechtes Beispiel wie der sozialistische indische Bundesstaat Kerala: dezentralisierte Gesundheitsarbeiter*innen, staatlich finanzierte Hygienestationen im öffentlichen Raum und an Verkehrsknotenpunkten, konsequente Quarantäne, die Verfolgung von Infektionsketten und Aufklärung haben in dem 33-Millionen-Staat die Zahl der Toten in den zweistelligen(!) Bereich gedrückt, während im restlichen Indien tödliches Chaos herrscht.

Im selben Maße, wie Viren und Bakterien „zum Leben dazu gehören“, gilt das auch für den Tod. Man möchte den charakterlich abgehängten entgegen rufen, dass sie auch ihm gegenüber die selbe, meditative Gleichgültigkeit zeigen könnten wie einer globalen Pandemie, die, ohne staatliche Zwangsmaßnahmen, laut aktuellen Studien mehrere Millionen Todesopfer gefordert hätte. Dann würden sie immerhin weniger nerven.

antifa wendland, Juni 2020