Nachtrag zum wendländischen Mobilfunk-Wahn

Gastbeitrag über Wutbriefe und die Psychologie der Verschwörungsideologie

Am 13.06. hat die antifa wendland mit einem Text über Aktivitäten der „Wendlandinitiative Aufklärung über 5G-Mobilfunk“ breitere Diskussionen und Auseinandersetzungen in verschiedenen politischen und kulturellen Milieus des Wendlandes losgetreten. In Reaktion auf die Veröffentlichung des Textes hat die Gruppe darüber hinaus mehrere schäumende Mails verschwörungsideologischer Wutbürger*innen erhalten. Außerdem erschien in der Elbe-Jeetzel-Zeitung ein vielsagender Leser*innenbrief. Im folgenden Gastbeitrag soll auf einige in diesen Zuschriften auftauchende Äußerungen und Muster eingegangen werden, um dadurch die Aktiven der Initiative erneut einem verschwörungsideologischen, querfrontlerischen, prinzipiell rechtsoffenen Milieu zuzuordnen. Nicht zufällig wurde der Verweis des ursprünglichen Referenten Michael Mumm auf Literatur von jemandem, der wiederum mit Holocaustleugner*innen zusammenarbeitet, hervorgehoben. Auf die prinzipielle Nähe des verschwörungsideologischen Milieus zum Antisemitismus wird im hinteren Teil näher eingegangen.

Auch in diesem Text wird an keiner Stelle inhaltlich auf vermeintliche technische Effekte oder gar Gefahren von Mobilfunk im Allgemeinen oder 5G im Speziellen eingegangen werden. Eine sachliche Diskussion mit dem verschwörungsideologischen Milieu ist, wie sowohl Forschung als auch Erfahrung zeigen, unmöglich, weil grundlegende Regeln einer faktenbasierten, ergebnisoffenen Auseinandersetzung gar nicht anerkannt werden. Vielmehr lohnt es sich, sich dem Phänomen aus der Perspektive einer gesellschaftskritischen Psychologie heraus anzunähern. Menschen aus der Glaubenswelt verschwörungsideologischer Szenen herauszulösen geschieht grundsätzlich nicht per besserem Argument, sondern nur durch konkrete Beziehungsarbeit. Texte wie die Veröffentlichung der antifa wendland zielen dementsprechend auch nicht auf Überzeugung der Verschwörungsgläubigen selber, sondern auf deplatforming. Sie versuchen, Menschen für die Gefahren aus der „Mobilfunkkritiker*innen“-Szene zu sensibilisieren, damit ihnen Bühnen und Räume nicht mehr zur Verfügung gestellt werden.

Teil 1: Wütende Briefe, getippt auf strahlungsarmen Geräten

Mobbing statt Kritik

In einem sprachlich wirren Leser*innenbrief an die Elbe-Jeetzel-Zeitung (05.07.) beschwert sich einer der Aktiven über „Klassisches Mobben gegen Mobilfunkkritiker“. Mobbing ist vorwiegend eine Praxis, in der Menschen andere, weniger mächtige Menschen in einem geteilten sozialen Raum fortlaufend demütigen, um sich selber eine Aufwertung innerhalb dieses Raumes zu verschaffen. Es ist insbesondere unter Jugendlichen so verbreitet, weil die Unsicherheit über sich selbst und die Angst vor dem Abstieg in der Hierarchie unter Pubertierenden so riesig ist. Mobber*innen fürchten also in der Regel, Opfer statt Täter*innen werden zu können- Sie handeln aus eigener Verunsicherung. Die Angriffe, die im Mobbing eingesetzt werden, sind aus Prinzip unsachlich und diskriminierend und beziehen sich meistens auf Eigenschaften der Opfer, die ihnen eine Anerkennung in der Gruppe erschweren, sie in ihrer Würde herabsetzen sollen und auf die sie nicht antworten können. Dadurch erfolgen Angriffe oft auf der Ebene kapitalistisch-patriarchaler Anforderungen an das Individuum: klug genug sein für die Schule oder den Arbeitsplatz, schön genug für ein Mädchen, männlich genug für einen Mann und so weiter. Ein wichtiges Kriterium dafür, dass Mobbing vorliegt, ist die fortlaufende Wiederholung solcher Angriffe. Beim Text der antifa wendland handelt es sich aber um eine vorgetragene Position zu einem politischen Sachverhalt, über deren Sachlichkeit sich sicher streiten lässt, die aber auf Überzeugung durch Beleg und Argument zielt. Die Gegner*innen einer solchen Kritik sollen weder als Menschen sozial zerstört noch der Lächerlichkeit preisgegeben werden, um den eigenen Status zu erhöhen. Dafür spricht auch die in vielen Zusendungen bemängelte Anonymität der Autor*innen der Antifagruppe oder dass sie sich gar nicht in den selben sozialen Räumen wie die „Mobilfunkkritiker*innen“ aufhalten. Bei der antifa wendland soll es sich aber nicht nur, so der Leser*innenbriefschreiber, um Mobber handeln, sondern auch um „Gutmenschen“. Dieser Begriff ist eine Beschimpfung für Linke, die in verschiedenen rechten und rechtsradikalen Milieus zur absoluten Standardausrüstung gehört. Es folgt auch keine diskutable Unterfütterung dieses Begriffs, also etwa ein Vorwurf, Linke definierten sich zu gerne über die Reinheit ihres Gewissens, verschlössen aber vor Problemen und Realitäten die Augen. So kann die Verwendung des Begriffs schwerlich als eine linke Kritik an anderen Linken verstanden werden – schließlich handele es sich bei den „Gutmenschen“ um klassische Mobber*innen. Dass eine inhaltliche Kritik am eigenen politischen Wirken als „Mobbing“ dargestellt wird, weist auf die prinzipielle Unfähigkeit zu einer politischen oder demokratischen Auseinandersetzung hin. In einer solchen ist Kritik nicht nur völlig normal, sondern auch erwünscht, um im Streit aneinander zu lernen. Stattdessen wählt ein Vertreter der Wendlandinitiative die Selbstviktimisierung, also die Stilisierung zu einem Opfer. Der Vorwurf, einen rechtsoffenen Referenten eingeladen zu haben, gilt nicht nur ihm nicht als ein Appell, an möglicherweise geteilten Werten festzuhalten und sich von rechtem Denken abzugrenzen, sondern nur als Versuch der öffentlichen Herabwürdigung. Ein solches Muster ist nicht zufällig insbesondere von der extremen Rechten bekannt: die Selbstviktimisierung von AfD oder Pegida gilt als eine der erfolgreichsten Strategien, Menschen eine politische Identität zu bieten. Auch dort wird „Meinungsfreiheit“ immer nur so lange ganz groß geschrieben, bis man die Meinungsfreiheit der Anderen achten müsste. Jegliche Kritik an den eigenen Ergüssen wird von den Rechten nicht als Kritik, als demokratische Auseinandersetzung, als Normalvollzug einer demokratischen Gesellschaft begriffen, sondern als Angriff auf die eigene Meinungsfreiheit, als Beschneidung fundamentaler Rechte und als Bekämpfung der Person. Der Leser*innenbriefschreiber der EJZ wählt das selbe Mittel: statt bloß auf die Überzeugungskraft der eigenen Argumente zu setzen, wird dem politischen Gegner eine Verletzung der Diskursregeln unterstellt. So muss man sich mit vorgetragenen Argumenten auch gar nicht weiter auseinander setzen.

Was kann ich dafür, wenn die Nazis mit dieser einen Sache Recht haben?!

Eine Zuschrift via Mail beschimpft die antifa wendland zunächst als „dumm“. Auch wenn die Recherche zu Michael Mumm korrekt sei, habe 5G-“Kritik“ nichts mit Verschwörungstheorie zu tun. Darum sei für das Thema unerheblich, ob jemand, der über 5G spricht, Linker oder Nazi (sic!) sei. Diese für Verschwörungsideolog*innen typische Indifferenz demgegenüber, ob es sich bei einem „Experten“ eventuell um einen Nazi handeln könnte, stellt der Autor die Behauptung zur Seite, bei der durch die Antifa vorgetragenen Kritik daran handele es sich um „Menschenverachtung“. Dass er prinzipiell bereit ist, die vermeintliche Technikexpertise von Menschen anzuerkennen, zu deren politischen Selbstverständnis der industrielle Massenmord an anderen Völkern und weiteren Menschengruppen gehört, gilt dem Schreibenden also nicht als problematisch. Ein schriftlicher Debattenbeitrag jedoch wird mit Maximalausdrücken bekämpft. 5G sollte, so der Mann weiter, ein Thema für Linke sein, zu denen er sich augenscheinlich nicht (mehr?) zugehörig fühlt. An den technischen Ausführungen Michael Mumms, den die antifa wendland übrigens an keiner einzigen Stelle als „Nazi“ tituliert hat, sei aber nichts zu beanstanden gewesen. Es handle sich um keine Verschwörungstheorie, da angebliche öffentliche Aussagen der 5G-Vorantreiber so eindeutig und ebenfalls „menschenverachtend“ seien, dass von einer „heimlichen“ Verschwörung nicht die Rede sein könne. Vielmehr sei eine „kapitalistische und herrschaftliche Logik“ am Werk. Mumms Messtechnik (nach Eigendarstellung unter anderem „Wünschelrute“ und seine „besonders ausgeprägte Feinfühligkeit“) wirkten auf den Schreibenden „professionell“ und sei „weltweit anerkannt“. Die Auswirkungen von 5G stellten etwa Atomkraft und „Abhörtechniken“ und teilweise auch Gentechnik „deutlich in den Schatten“. Er behauptet also, dass die Einführung von 5G schlimmer sei als die Nutzung von Nuklearkraftwerken – nur haben das augenscheinlich noch nicht so viele gemerkt. Für alle, denen eine vernünftige Kritik an der Nutzung von Kernenergie und der sie begleitenden, durchaus politisch verstrickten Wissenschaft wichtig ist, müssen solche Äußerungen alarmierend sein. Wenn die öffentlich zugänglichen Äußerungen von Vertreter*innen der Firmen, die 5G-Ausbau betreiben, so einleuchtend menschenverachtend sind, wieso erkennt das nur eine selbst im politisch-ökologischen Milieu marginale Gruppe? Stecken alle Politiker*innen, die den Netzausbau begleiten, mit der Menschenverachtung unter einer Decke? Wo ist ihr Aufschrei, wenn die gesichtslosen 5G-Lobbyisten so menschenverachtende Dinge sagen? Offensichtlich hat die manipulative Propaganda der Mobilfunklobby die Gesellschaft schon so schläfrig gemacht, dass sie öffentlich menschenverachtende Dinge von sich geben können, ohne Widerspruch zu erhalten. In diesem Fall würden die Mächtigen uns offen verhöhnen und wir würden es nicht mehr merken. Von einer fundierten Theorie falschen Bewusstseins, kapitalistischer Ideologie, sind solche Phantasien jedenfalls meilenweit entfernt und sie finden sich haargenau so in den Filterblasen der neuen Rechten.

Die Faschisten aus den Hinterzimmern gezerrt

Eine weitere Zusendung behauptet, wie einige andere, die antifa wendland rücke die Wendlandinitiative Aufklärung über 5G-Mobilfunk und den Kulturbahnhof Hitzacker, in dem eine ihrer Veranstaltungen stattgefunden hat, „in die rechte Ecke“. Diese würden, laut Antifa, gemeinsame Sache mit rechten Verschwörungsideolog*innen machen. Dabei träfen sich im KuBa aber keine Verschwörungstheoretiker*innen, Aktive seien gegen Rassismus und Faschismus, für Umwelt und Klima. Im Text der antifa wendland jedoch ist nirgends die Rede davon, dass die Initiative oder der Kulturbahnhof rechts seien oder in einer „rechten Ecke“ stehen würden. Tatsächlich wird die – belegte – Zusammenarbeit und vermittelte Zusammenarbeit mit Leuten aus der rechtsesoterischen bis hin zur holocaustleugnerischen Szene bemängelt, wie die Antifa selbst schreibt: „Uns interessiert eher die unkritische Haltung der Mobilfunkgegner*innen zu ihrem Referenten Michael Mumm, seinen Quellen und dem Milieu, in dem sich Mumm bewegt.“ Dieser Umstand, die Zusammenarbeit mit Michael Mumm, wird von der Autorin in der selben Mail zunächst samt Dank für die Offenlegungen eingestanden, um sich dann zum Opfer einer Falschbehauptung darzustellen, man arbeite mit rechten Verschwörungsideolog*innen zusammen. Dass man nicht zugleich einen Umstand und sein Gegenteil behaupten kann, scheint die Autorin nicht weiter zu stören. Am Ende der Mail, in der die Anwesenheit von Verschwörungstheorien geleugnet wird, wird sogar mit der Möglichkeit gespielt, die Kritik von der Antifa-Gruppe stamme gar nicht von der antifa wendland selbst, sei nur unter ihrem Namen in Umlauf gebracht worden. Das wirft die Frage auf: von wem soll die Kritik an den 5G-“Kritiker*innen“ dann sonst stammen? Wer veröffentlicht unter von der antifa wendland geklautem Namen eine massive Kritik an einer politischen Initiative, in der sich Leute selber auch „gegen Faschismus“ verstehen? Wer spaltet die „antifaschistische“ Gemeinde mit undurchsichtigen Manövern und gefälschten Mails? Behauptungen, die die Existenz dunkler Mächte implizieren, die sich nicht zu erkennen geben, sind typisch für verschwörungsideologische Menschen und in banalsten Lebenssituationen ein gängiges Denkmuster. Wer sich selbst von Verschwörungsdenken distanziert, um dann nur wenige Zeilen später die Verschwörungstheorie ins Spiel zu bringen, jemand gebe sich als Antifaschist*in aus, um Antifaschist*innen zu spalten, kann natürlich nicht kompetent über die An- oder Abwesenheit von Verschwörungsideologien urteilen. Eine Chiffre wie „Faschismus“ bzw. „Antifaschismus“ muss darüber hinaus auch politisch gefüllt werden. Der Begriff des Faschismus ist immer wieder dazu genutzt worden, die unterschiedlichsten politischen Feinde zu bekämpfen und hinter einem politischen Akteur strippeziehende Nazis erkennbar zu machen. Dieses Spiel ist so beliebt, dass es nicht nur in verschwörungsideologischen Kreisen völlig Gang und Gäbe ist, alle verschworenen Eliten als „Faschist*innen“ auszumachen, sondern sogar Rechtsextreme wie die AfD haben längst erkannt, dass man Linke unter Applaus als „eigentliche“ oder „neue“ Faschist*innen titulieren kann. Der verschwörungsideologische „Friedenswinter“ bzw. die querfrontlerische „Neue Friedensbewegung“, die vor einigen Jahren mit Montagsmahnwachen auf sich aufmerksam gemacht hat, hat diese Selbstverortung als „antifaschistisch“ ebenfalls instrumentalisiert: Faschisten waren dort die geheimen Mächte, die die Welt in einen neuen Weltkrieg stürzen wollten. Auch der russische Einmarsch in Teile der Ukraine ist von sich selbst als links verstehenden, verschwörungsideologischen Gruppen als antifaschistische Aktion gefeiert worden: als Angriff auf die „faschistische“ NATO und das kapitalistisch-imperialistische System, für das sie steht. Mit dem ultrarechten Halb-Diktator Putin hatten diese „Antifaschist*innen“ weniger Probleme. Ein weiteres Beispiel für diesen zwielichtigen „Antifaschismus“ ist auch Xavier Naidoo, der in der antifaschistischen Linken durch seinen Auftritt in der Single „Adriano“ über den rassistischen Mord an Alberto Adriano im Jahr 2000 in Dessau bis heute Ansehen genießt. Der schwarze Musiker, der sich auch sonst antirassistisch engagiert hatte, fiel in den vergangenen Jahren jedoch vermehrt durch die Verwendung antisemitischer Codes in seinen Texten auf. Öffentlich verbreitete er Thesen der rechtsextremen, verschwörungsideologischen Reichsbürgerbewegung, wonach Deutschland kein souveränes Land sei, und trat auch bei Reichsbürgern auf. Das brachte ihm beim volksdeutschen bzw. -österreichischen rechtsextremen Musiker Andreas Gabalier so viel Respekt ein, dass die beiden sogar zusammen auf der Bühne standen, Naidoo Gabaliers nationalistische Lieder performte. Im Lied „Marionetten“ phantasiert Naidoo etwa „Puppenspieler“ hinter Politiker*innen, die nur deren „Marionetten“ und darüber hinaus „Volksverräter“ seien. Die Marionetten sollten „mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons[!]“ geschnitten werden, alternativ wolle Naidoo sie „in Fetzen“ zerreißen, bekomme er sie „in die Finger“. Im Song „Raus aus dem Reichstag“ verwendet Naidoo die jiddische Beschimpfung „Schmock“ für hinter Politiker*innen stehende Personen und behauptet: „Baron Totschild gibt den Ton an“, womit er auf die antisemitischen Legenden um die jüdische Familie Rothschild anspielt. Im selben Song spricht er bekannte CDU-Politiker an, benennt sie als „Rassisten“ und macht eine Anspielung auf „alte Faschisten“, von denen her sich etwa die „Liebe“ der Ehefrau des CDU-Politikers Robert Koch zum Dalai Lama erklären lasse. Der Hintergrund: Die Nationalsozialist*innen hatten im tibetischen Volk „Ur-Arier“ vermutet und „Rasseforscher*innen“ in den Himalaya gesandt, um ihre Phantasie zu „überprüfen“. Wenn hinter etablierten Politiker*innen sowohl „alte Faschisten“ als auch „Baron Totschild“ stehen, wäre schwer verständlich, wieso ausgerechnet sowohl die Nazis als auch ihre Opfer, Jüd*innen, geheimen Einfluss auf deutsche Politik nehmen sollten – es sei denn, es handelt sich, insgeheim, um die selbe Gruppe oder eine Verschwörung von „alten“ und „neuen“ Faschist*innen. So oder so: auch bei Xavier Naidoo ist es stets das „Volk“ bzw. das „deutsche Volk“, das für dumm verkauft wird. Man sieht: eine vordergründige Haltung „gegen Faschist*innen“ schließt in der verschwörungsideologischen Szene antisemitisches Denken keineswegs aus. Was hier wie dort geschieht, ist das Gegenteil von Faschismuskritik: Faschismus wird als Verschwörung analysiert und auf eine Verschwörung reduziert. Dabei sind Faschist*innen selber notwendig Verschwörungsgläubige. Das ist auch der Grund, warum Verschwörungsideologien einen Bruch mit jedem vernünftigen, antifaschistischen Minimalkonsens darstellen – ohne übrigens, dass damit die Existenz tatsächlicher Verschwörungen auch nur annähernd geleugnet wäre.

Mit der Geheimpolizei in den Kleingartenverein

Neben weiteren Zuschriften, die jeweils mit dem Gedanken spielen, bei dem Text der antifa wendland handle es sich um eine False-Flag-Aktion, also um eine Fälschung ungenannter, interessierter (faschistischer?) Kreise, schickt ein weiterer älterer Herr eine Mail „funkfrei gesendet über Festnetz“, wie seine Mailsignatur betont, mit einem Anhang. Darin findet sich ein – für verschwörungsideologische Milieus ebenfalls typsich – völlig wirr gestalteter Text im Design eines 3-spaltigen Flugblattes mit unterschiedlichen Schrifttypen, Schriftgrößen und Schriftfarben. Im Text folgen emotionalisierte Ausführungen zur Veröffentlichung der Antifa-Gruppe mit Vorwürfen wie „verbohrt“ und „völlige Ahnungslosigkeit“. Darüber hinaus ist der Text auch noch zweigeteilt: Teil Zwei beginnt hinter Unterschrift und einem „P.S.“ und soll „meine Spontannotizen beim Lesen.“ enthalten, ist aber noch ein mal genau so lang wie Teil Eins. Der Schreiber betont, man habe Michael Mumm im Vorlauf seines Vortrages gebeten, „esoterische Inhalte“ wegzulassen und nur über „nachprüfbare Mobilfunk-Fakten“ zu berichten, woran sich dieser gehalten habe. Die Antifa schütte „braune Scheiße“ über die Initiative aus und schiebe sie „in die rechte Ecke“. Die Kritik wird wiederum nicht als notwendiger, legitimer und unter politischen Gruppen völlig üblicher Debattenbeitrag begriffen, sondern erinnere den Autor in typischem Verfolgungswahn sowohl an „Sippenhaft“ als auch an „Polizeigesetze“. Der Vorwurf der Sippenhaft gehört zu den wichtigsten Vorwürfen, die die extreme Rechte nach 1945 zur Selbstviktimisierung benutzt hat. Im Kern soll mit dem Wort Täter*innenschaft in einen Opferstatus umgekehrt werden, weil man angeblich nur aufgrund seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volk für schuldig erklärt worden sei. In diesem auch heute noch etwa von der AfD gern aufgegriffenen Gefühl aus den hässlichen Tiefen der deutschen Volksseele vollzieht sich eine projektive Umkehr: waren es doch die Deutschen, die Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zur Vernichtung freigegeben haben. Jetzt wollen sie sich umgekehrt von genau einem solchen Vorgehen betroffen wähnen, um sich nicht mit ihrer politischen Verantwortung und Schuld zu konfrontieren. Dieser projektionsbereite Umgang mit politischen Konflikten verhindert nicht nur eine sinnvolle Auseinandersetzung, sondern ist typisch für die Gefühlswelt von rechten bis nicht ganz so rechten Verschwörungsideolog*innen, die sich stets verfolgt wähnen. Diese Verfolger*innen sodann gänzlich sachfern mit Polizeigesetzen zu assoziieren, sagt weniger über die Sache als über die Gefühlswelt des Autors aus. In irgendeiner Weise scheint in ihr die Antifa mit der Macht bzw. (Pseudo-)Legitimität einer Polizei ausgestattet zu agieren – eine Macht, die sie offensichtlich aus einer Quelle beziehen muss, die auf dem Niveau staatlicher Selbstlegitimierung steht. Doch wer ist diese ominöse Macht, die quasi-staatlich eine Polizei, die Antifa, zur Verfolgung ihrer Feinde einsetzt? Phantasien, wonach die Antifa eine von zwielichtig-staatlichen Stellen heimlich finanzierte Schläger*innentruppe zum „Kampf gegen Rechts“ und zum Verprügeln friedlicher Patriot*innen sei, sind in der extremen Rechten Common Sense. Sie gehen auf einen Satirebeitrag aus der linksliberalen tageszeitung zurück, wonach die Antifa staatliche Demogelder für Demotourist*innen auszahle. Geglaubt wurde der Unsinn, mit dem genau dieses Verschwörungsdenken der extremen Rechten auf die Schippe genommen werden sollte, von den Rechten nur zu gern. Er entspricht der Gefühlswelt der Verschwörungsgläubigen, wonach der Staat stets in Hinterlistigkeiten gegen sie verwickelt ist und sie mit geheimer Polizei verfolgt, wenn sie ihre Meinung zu laut sagen. Der Satiretext der taz gilt darum unter Antifaschist*innen weithin auch als ein Schuss ins eigene Bein, weil die Bereitschaft der Rechten, jeden Quatsch zu glauben, der sie als Opfer dastehen lässt, so massiv unterschätzt worden ist.

TyPoGrApHiE!!!111 statt Sozialismus & Anarchie

In einer weiteren Mail, ebenfalls „funkfrei gesendet von meinem Festnetz“, fallen wütende Zeilen wie „Hallo seid ihr noch bei Trost???“ oder wirr mit Satzzeichen unterfütterte Aussprüche wie „*Ich hätte **es **nie für möglich gehalten, dass mich mal jemand in die rechte Ecke stellen würde.**Unglaublich!**Grotesk!**D**ass Antifas mir mit „anti“ begegnen, ist für mich eine neue Sichtweise und **eine**Erfahrung, die ich erst einmal verdauen muss. *“, nur um dann zuzugeben, dass man die Recherchen zum Referenten Michael Mumm dankend zur Kenntnis nimmt. Man habe jedoch gar nicht vor, zu ihm weiter Kontakt zu halten. Problem gelöst. Neben Gesundheitsgefahren stehe der 5G-Netzausbau für einen „kapitalistischen Wachstumswahn“ und verschwende Ressourcen und Strom. Dabei ist 5G nichts weiter als ein neuer Mobilfunkstandard mit größeren Datenvolumen, die versendet werden können. Vorgängernetze von 4G, 3G, GSM usw. sind fast flächendeckend in Deutschland verfügbar. Anbetracht der nüchternen Faktenlage dürfte es sich einigermaßen schwierig gestalten, ausgerechnet im 5G-Aufbau kapitalistischen Wachstumswahn auszumachen, zumal sich dieser in jeder Investition in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem ausdrückt. In solchen geht es aus Prinzip nicht um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern um Kapitalverwertung und Mehrwert, also Wachstum – ob nun im 5G-Netz, im Autobahnausbau, in Kernkraftwerken, in Kohlegruben oder im ländlichen Bio- oder Tante-Emma-Laden. Die Bedürfnisbefriedigung ist, von der politischen Ökonomie her betrachtet, im Kapitalismus nur ein Nebeneffekt. Eine so oberflächliche, vermeintliche Kapitalismuskritik, die sich ihren Hauptfeind ausgerechnet in einer unsichtbaren Technologie sucht, reibt sich offensichtlich nicht an der allgemeinen Unvernunft des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Sie reibt sich auch nicht an den tatsächlich, insbesondere von Menschen in der Dritten Welt, erlittenen Schäden an Gesundheit und Leben durch kapitalistische Ausbeutung, sondern an der bloßen Unheimlichkeit bestimmter Techniken und ökonomischer Praktiken. Vor dieser falschen Kapitalismuskritik und ihrer Gefährlichkeit warnte bereits Marx selber. Das Upgrade der Netze von 4G auf 5G dient dementsprechend nur zu einem neuerlichen politischen Anlass, an bei Menschen vorhandene Ängste und Entfremdungsgefühle zu appellieren und sie mit verschwörungsideologischen Szenen in Kontakt zu bringen. Vergangene Technikstandards haben jeweils die selbe Dämonisierung aus der verschwörungsideologischen Szene auf sich gezogen und jede neue Technologie gilt aufs Neue als Tor zur Hölle: dieses mal geht die Welt wirklich unter! Insofern kann der Verweis auf einen kapitalistischen Wachstumswahn an dieser Stelle nicht für eine tatsächliche Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems stehen. Vielmehr dient er nur und ausschließlich als Chiffre für die Durchsetzung der Privatinteressen einer skrupellosen Elite gegen eine getäuschte Masse der Bevölkerung, die vermeintlich auch ohne „Wachstum“ friedlich vor sich hin leben könnte, wenn man sie ließe. Angesichts eingestürzter Nähfabriken etwa in Bangladesch mit tausenden Toten, faktischer Sklaverei in den Gewächshäusern der südlichen EU-Grenzregionen mit Illegalisierten und libyischen Mord- und Folterlagern zum Schutz des europäischen Reichtums wirken ein paar kauzige „Mobilfunkkritiker*innen“, die seit Jahren vor allem im ländlichen Raum Deutschlands ihre Basis haben und ihr friedliches Dorfleben mit Mutter, Vater & Kind gegen den kalten Zugriff des internationalen Mobilfunkkapitals verteidigen, besonders lächerlich, wenn sie sich dann eine Kritik des Kapitalismus auf die Fahne schreiben. Es ist die Welt von Millionen von Armen, Kolonisierten, Hungernden, Ausgebombten und Ausgedörrten, die im Kapitalismus jeden Tag untergeht. Die Zurückweisung des nächsten Mobilfunkstandards wäre unter Garantie kein Impuls, hieran auch nur irgendetwas zu ändern.

Teil 2: Die falsche, kapitalistische Gesellschaft schlägt sich in Denken und Fühlen der Menschen nieder

Mit Verschwörungsideolog*innen im Diskurs: schwierig.

Die dargelegten Maßlosigkeiten, die Unfähigkeit zu Kritik und Diskurs, die völlig unangemessene Emotionalisierung hängen daran, dass hinter dem verschwörungsideologischen Glauben vor allem ein spezielles, problematisches Verhältnis zwischen Individuum und moderner, kapitalistischer Gesellschaft steckt. Dieses schlägt sich auf das soziale, psychische und auch körperliche Erleben der betroffenen Individuen nieder und verschärft eine bestehende, zunächst ein mal gewöhnliche, Entfremdungserfahrung. Bei Verschwörungsideolog*innen handelt es sich darum um grundsätzlich misstrauische Menschen, die oftmals aus gesellschaftlichen Institutionen und für alle Beteiligten funktionierendem sozialen und kulturellen Miteinander desintegriert sind. Stattdessen treten sie oft als Querulant*innen und Störenfriede in Initiativen, Projekten und sozialen Zentren auf und versuchen dort, Andere auf die Seite ihres inkohärenten Weltbildes zu ziehen. Dieses setzt sich aus der zufälligen Vielzahl konsumierter verschwörungsideologischer Medien zusammen, so dass auch Bündnisse unter Verschwörungsideolog*innen zwar von der riesigen Toleranz gegenüber den Unwahrheiten der Anderen profitieren, aber auf der Beziehungsebene schnell problematisch werden können. Ob sie nun an eine 5G-Verschwörung, an Chemtrails, an finsterste Pläne der Pharmalobby, an jüdische Schulmedizin, Echsenmenschen, Orgonenergie, eine kulturmarxistische Gender-Verschwörung, an inszenierte Terroranschläge, die jüdische Weltherrschaft, Frühsexualisierung von Kindern, planmäßige Islamisierung des Abendlandes, die Nichtexistenz von Gaskammern in deutschen Vernichtungslagern oder daran, dass Carola Rackete in Wahrheit Daniel Küblböck ist, glauben: alle Verschwörungsideolog*innen eint ein prinzipielles Gefühl, von einer heimlichen Elite aufwändig für dumm verkauft, belogen, hinters Licht und über den Tisch gezogen zu werden. In ihren Köpfen tobt der symbolische Kampf zwischen (heimlichem) gesellschaftlichen Establishment und der Masse der meist kleinbürgerlichen „Ausgegrenzten“ und „Entrechteten“.

Während diese finsteren Pläne bei der Mehrheit der Bevölkerung aufgehen, heben sich Verschwörungsgläubige von dieser Mehrheit der Menschen insofern ab, dass sie die Verschwörung und die überall aufscheinenden Lügen und Zeichen durchschauen. Mit diesem Gefühl einher, eine List gegen sich zu durchschauen, geht eine massive Aufwertung des eigenen Selbstbilds. Gegenüber dem z.B. als „Schlafschafe“ abgewerteten Großteil der Gesellschaft erlebt sich ein verschwörungsgläubiger Mensch als auserwählt, von besonderen Erkenntnisfähigkeiten gesegnet, mächtig oder herausragend mutig, da er glaubt, die Verfolgung der Interessen einer brutalen Elite durch seinen Widerstand zu durchkreuzen. Sich als Feind dieser mächtigen Menschen zu erleben erhöht die Wahrnehmung eigener, vermeintlicher Macht.

Psychologisch steht dieser Mechanismus jedoch vor allem einer tatsächlichen, weitreichenden Ohnmacht gegenüber. Bei verschwörungsideologischen Menschen handelt es sich jedoch nicht bloß um die allgemeine Ohnmacht, die Individuen in der modernen, kapitalistischen Gesellschaft gegenüber den vermeintlichen Sachzwängen ihrer Institutionen oder des Marktes sowieso betrifft: Oftmals treten individuelle, mehr oder weniger schwerwiegende psychische Konfliktlagen insbesondere um die Frage nach dem Selbstwert und der Wirkungsmacht dem eigenen Leben und dem sozialen Umfeld gegenüber hinzu (und auch das ist wirklich nichts ungewöhnliches in dieser Gesellschaft). Bei Verschwörungsideolog*innen wird die alltägliche Praxis des Verschwörungsglaubens als vermeintlicher Ausweg aus dieser schwer auszuhaltenden Spannung gewählt und verstetigt sich über viele Jahre als falscher Lösungsversuch des Konflikts mit sich selber und dem sozialen Außen. Gelöst wird der Konflikt jedoch, wie das bei falschen Lösungen psychischer Schwierigkeiten so ist, nicht tatsächlich. Der Erleichterung aus einer positiven verschwörungsgläubigen Erfahrung, etwa im Konsum einer Verschwörungsdoku aus dem Internet, folgt stets die erneute Aushöhlung von Selbstwert und Eigenwirksamkeit, also dem Gefühl, dem eigenen Leben handelnd und nicht nur passiv gegenüber zu stehen. Sie muss dann mit einer neuen Dosis Verschwörungstheorie bekämpft werden. Die Ähnlichkeit unter anderem zu Suchtdynamiken liegt auf der Hand.

Auch die vermeintlich geblendeten Mitmenschen, für die Verschwörungsideolog*innen insbesondere Gefühle von Überheblichkeit und Überlegenheit hegen, sind natürlich in Wahrheit diejenigen, vor denen sie sich fürchten. Deren Partizipation an der Gesellschaft, so unaufgeklärt sie ihnen erscheinen mag, beneiden die Verschwörungsideolog*innen heimlich. Vor negativen Urteilen dieser „integrierten“ Mehrheit über sich haben sie große, unbewusste Angst. Das Ausgrenzungserleben, das Verschwörungsideolog*innen vielfach umtreibt, ist dabei oft ein Reales und so finden sich in den Biographien der Ideolog*innen oftmals Parallelen wie das Scheitern an bestimmten Bildungsstufen, Mobbing oder Diskriminierung aufgrund normabweichender körperlicher Eigenschaften oder sozialen Verhaltens. Daraus entstehen dann jedoch keine echte Kritik an diesen Institutionen oder der prinzipiell gewalttätigen, zwischenmenschlichen Kultur im kapitalistischen Patriarchat, sondern unbewusste Wut, Unbehagen, Missmut, diffuse Viktimisierung, Kampfeslust, tiefe Ohnmacht und berauschende Größenphantasie. Dass Texte oder Flyer aus verschwörungsideologischen Szenen häufig aufgrund von Satzzeichen, Text- und Grafikdesign oder eigenwilligem Satzbau für gewisse Irritation sorgen, liegt wohl auch an diesem speziellen, entfremdeten Verhältnis zu Mitmenschen. Viele der Gläubigen tun sich schwer, sich an sozial etablierte sprachliche und kommunikative Konventionen zu halten. Textproduktion folgt bei ihnen oft nicht dem Versuch, sich einem Anderen über einen Gegenstand begreiflich zu machen und dabei allen drei Elementen gerecht zu werden: dem Ich, dem Gegenstand und den Rezipient*innen. Die nötige Empathie, beim Schreiben an die lesende Person zu denken, die eine Sache verstehen soll, wirkt unterentwickelt. Vielmehr ist die imaginierte Beziehungsebene zwischen Sender*in und Empfänger*in dominierend. Der*die Leser*in ist vorwiegend Objekt, an dem die eigene turbulente, insbesondere wütende Gefühlswelt ausgelassen wird und blendet man das bisweilen erwachsene Vokabular aus, verbleibt meist ein vor allem unreif wirkendes Textbild. Ein ähnliches Phänomen lässt sich an den Werbebotschaften etwa von Sekten studieren. Ein weiteres, prominentes Beispiel ist das „berühmte“ Front-Transparent der Wutbürger*innen der Dresdener PEGIDA-Bewegung, das ebenfalls schwer nachzuvollziehende farbliche Hervorhebungen, Veränderungen der Textgröße, Fettschrift, in Buchstabenkörper vertikal hinein gesetzte Worte und eine Überfrachtung an Symbolen enthält. Aus der Unfähigkeit, ein nüchternes Schriftbild zu verwenden, spricht die dem ganzen Lebensgefühl zugrundeliegende Ahnung oder Angst, nicht verstanden zu werden. Die Unterstreichungen, Hervorhebungen, Fett- und Kursivschriften usw. wirken dadurch nicht nur zufällig so, als wollte jemand jemanden durch einen Text hindurch anschreien.

Das bedeutet aber keineswegs, dass es sich bei Verschwörungsideolog*innen um besonders hart getroffene, arme Würstchen handelt. Viele Menschen mit ähnlichen Erfahrungen finden andere Umgangsstrategien und überhaupt sind solche Desintegrationserfahrungen in der kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft eher die Regel als die Ausnahme. Sprachliche Ausbildung ist nichts, das die absolute Mehrzahl der Bevölkerung genießen würde und natürlich schlagen sich hier Klassengrenzen nieder. Es ist also nicht der besonders schändliche Charakter, der Menschen zu Verschwörungsideolog*innen werden lässt, sondern im Zweifelsfall einfach der Zufall, zur richtigen (oder falschen) Zeit an das richtige (oder falsche) Medikament zur Selbsttherapie geraten zu sein. Andere verwirrte Teenager werden zum Beispiel in Antifa-Gruppen integriert 😉 (und entwickeln sich dann trotzdem zu den letzten Idiot*innen). Auch Wut ist in dieser Gesellschaft alles andere als ungerechtfertigt und Emotionen spielen immer eine Rolle. Politische Botschaften müssen nicht aus Prinzip so gestaltet sein, dass wirklich jede*r sie begreifen kann, und natürlich liegt es im Ermessen und politischen Interesse der*des Autors*in, wie tiefschürfend oder oberflächlich ein Sachverhalt dargestellt wird und wer das dann noch verstehen kann. Verschwörungsideolog*innen fehlt jedoch zumeist die Fähigkeit, auf diese Fragen zu reflektieren und Kommunikationsstile bewusst zu wählen. Statt ihre Wut in ihre Sprache zu legen, spricht aus ihnen die Wut.

Und wie kommt ihr jetzt ausgerechnet auf „Antisemitismus“?!

Im ursprünglichen Text der antifa wendland sind die Verbindungen des Referenten Michael Mumm zu rechtsesoterischen und insbesondere zu holocaustleugnerischen Kreisen aufgezeigt worden. Vielfach ist in Antworten an die Gruppe zugestanden worden, dass das womöglich ein wenig problematisch sei, ohne jedoch irgend eine Konsequenz daraus ziehen zu wollen. Die Empfehlungen von Autor*innen aus den genannten Kreisen, die Michael Mumm auf seiner Website hat, erscheint ihnen als reiner Zufall. Doch die Nähe dieses verschwörungsideologischen Denkens zur Holocaustleugnung und zum Antisemitismus ist kein Zufall. Vielmehr teilen sich 5G-Mobilfunk“kritiker*innen“ und Antisemit*innen wesentliche Züge des beschriebenen, problematisch entfremdeten Verhältnisses zur Gesellschaft als Ganzer und zur kapitalistischen Moderne im Speziellen. Beim Antisemitismus, auch beim Antisemitismus der Nationalsozialist*innen, handelt es sich um eine Verschwörungsideologie unter vielen. Die versuchte Ermordung des jüdischen Volkes vollzog sich nach Selbstverständnis der Täter*innen nicht als einseitiger aggressiver Akt gegen Jüd*innen, der Starken gegen die Schwachen, sondern als Notwehr gegen zuvor durch das Judentum begangene Verbrechen am deutschen Volk bzw. an den Völkern der Erde. Um diese Verbrechen zu begehen, haben sich die Jüd*innen im Weltbild des Antisemitismus gegen den Rest der Weltgemeinschaft verschworen. Sie versklaven die Menschen durch Zins und andere Finanzinstrumente, entfesseln Kriege unter ihren Feind*innen und schützen all ihre globalen Unternehmungen mit List und Täuschung. Eine*n Antisemit*in macht dementsprechend also aus, dass er*sie imstande ist, diese List und Täuschung zu durchschauen und auf den wahren, verbrecherischen Kern des jüdischen Volkes zu blicken. Antisemit*innen im engen Sinne des Wortes sehen, was andere aufgrund von Täuschung nicht sehen können. Sie sind die Schwachen, die mutig die Starken bekämpfen.

In der Faschismusforschung wird der Nationalsozialismus unter anderem als eine Revolte gegen die kapitalistische Moderne verstanden, also als ein Versuch, alte, vermeintlich natürlich gewachsene Beziehungen der Menschen untereinander gegen die kalte Sachlichkeit neuer, moderner staatlicher und ökonomischer Realitäten zu verteidigen. Gegen die Anonymität der lohnarbeitenden Massen in der kapitalistischen, industriellen Großstadt setzte der Nationalsozialismus das Paradies des dörflichen, familiären Lebens und Arbeitens. Dieses wird als vermeintlich natürliche Lebensstruktur verherrlicht, während davon abweichende Formen tendenziell mit jüdisch konnotierten Motiven des Universalismus, des Kosmopolitismus, dekadenter Kultur, der Undurchschaubarkeit, des Marxismus, der Auflösung der Familie, der Künstlichkeit, Homosexualität, vorlauten Frauen, sich wild übertragenden Krankheiten und vielem mehr wortwörtlich beschmutzt, versifft seien. Der prinzipielle, intuitive, aber nicht durch Gesellschaftskritik begründete Argwohn, den alle verschwörungsideologischen Menschen gegenüber Institutionen und Symbolen einer solchen Gesellschaft empfinden, ist ein konstitutives Element der nationalsozialistischen und der antisemitischen Bewegung gewesen und ist es bis heute. Dazu brauchten die Nationalsozialist*innen jedoch keine Massenbewegung überzeugter Antisemit*innen: sie appellierten an sowieso vorhandene Gefühle von Entfremdung, Unbehagen und Ausgegrenztheit gegenüber der kapitalistischen Moderne, die die Siegermächte des ersten Weltkriegs den Deutschen inklusive dem Ende der Monarchie faktisch aufgezwungen hatten. Denken, das Muster enthält, die es auch im Antisemitismus gibt, kann über lange Strecken völlig ohne reale Jüd*innen auskommen. Gleichzeitig ist die Toleranz gegenüber antisemitischem Denken jedoch heraufgesetzt, entspricht es doch in manchen Zügen der eigenen Widerständigkeit gegen „die da oben“. Über reale Attacken gegen Jüd*innen wird so leichter hinweggesehen. Der Antisemitismus im engen Sinne muss sich so überhaupt nicht zu eigen gemacht werden, um Antisemit*innen wie Holocaustleugner*innen als legitime Gesprächspartner*innen zu betrachten, ihre Werke zu bewerben oder sie als vermeintliche Expert*innen für andere Themen einzuladen. Das Verbot der Leugnung des Holocaust erscheint manchen Verschwörungsideolog*innen als ein Zensurinstrument, von dem sie fälschlicherweise glauben, schnell selber betroffen sein zu können. Sie teilen die in rechten Kreisen übliche „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Mentalität. Aber alles, was sie sagen, darf gesagt werden – genau so, wie Kritik daran veröffentlicht werden darf. Die völlig maßlosen Vorwürfe als Reaktion auf die Kritik der antifa wendland, diese betriebe Mobbing, führe sich als Polizei auf, veröffentliche “Menschenverachtung”, sei vielleicht eine False-Flag-Aktion einer anderen, geheimen Macht und so weiter, also alles potentiell strafbare Dinge, zwingen demgegenüber die Vermutung auf, dass es die Verschwörungsideolog*innen selber sind, die die Kritik an ihnen am liebsten verboten sehen wollen. Wie auch in rechten Kreisen ist ihr Ruf nach “Meinungsfreiheit” der kaum verhohlene Wunsch, jeden Müll behaupten zu dürfen, ohne dafür kritisiert zu werden. Die Zensurangst, die sie umtreibt, ist die Projektion ihrer eigenen Zensurgelüste gegenüber ihren Feinden.

Das heißt nicht, dass zwischen den unterschiedlichen Strömungen der Verschwörungsideologien keine Unterscheide, insbesondere keine moralischen Unterschiede mehr bestünden. 5G-“Kritiker*innen“ in einem Satz mit Holocaustleugner*innen zu nennen bedeutet nicht, diese mit jenen gleichzusetzen, sondern eine absolute Selbstverständlichkeit der Kritik auszuführen: auf heimliche Implikationen und unbewusste Überschneidungen hinzuweisen. Der ursprüngliche Text der antifa wendland hat die Verschwörungsgläubigen der „Wendlandinitiative Aufklärung über 5G-Mobilfunk“ weder in eine „rechte Ecke“ gestellt, noch als Nazis tituliert. Er hat lediglich auf ihre ideologischen wie praktischen Überschneidungen mit rechten Szenen und Personen verwiesen. Genau das ist das gefährliche an querfrontlerischen, verschwörungsideologischen Strömungen: sie befinden sich nicht selber in einer „rechten Ecke“, sondern verhelfen Rechtsradikalen zu Aufmerksamkeit und Legitimation und verbreiten Elemente deren Weltbildes unter Menschen, die sich ansonsten völlig zurecht nicht für Nazis halten. Dies aber schwächt das gesellschaftliche Immunsystem gegen den Antisemitismus und gegen eine momentan galoppierende Faschisierung der deutschen Gesellschaft.

Während die AfD in diesem Jahr ihre ersten Regierungsbeteiligungen auf Länderebene erringen könnte und die Große Koalition sich mit Händen und Füßen gegen die Einsicht zur Wehr setzt, dass der menschengemachte Klimawandel sofort aufgehalten werden muss, beschweren sich die Aluhutträger*innen vom hintersten Dorf über aufgestellte Telefonmasten. Angesichts der weltweiten Ungerechtigkeit und den Verheerungen in den Ländern des globalen Südens, die z.B. die Klimakrise bereits heute anrichtet, angesichts all der Armut, die in einem reichen Land wie Deutschland herrscht und notwendig herrschen muss, wenn kapitalistisch produziert wird, müssen ein paar gealterte deutsche Kleinbürger*innen, die ihre Gesundheitsprobleme autosuggestiv auf ihre WLAN-Router schieben und sich zu Opfern eines globalen Mobilfunkverbrechens erklären, jedem vernünftig denkenden Menschen als unendlich provinziell erscheinen. An eben dieser Vernunft mangelt es leider noch viel zu sehr.