Solidarität mit den Widerstand leistenden Besetzer_innen des Hambacher Forstes

Kein Polizeieinsatz kann verhindern, dass sich die kapitalistische Produktionslogik ihr eigenes Grab schaufelt!

Seit Mittwoch, dem 13.09.2018, wird die seit sechs Jahren andauernde Besetzung des Hambacher Forstes bei Aachen durch Hundertschaften der Polizei geräumt. Statt diesen Einsatz wenigstens politisch zu begründen, erdreistet sich die CDU-geführte Landesregierung von Nordrhein-Westfalen dazu, den Brandschutz als Begründung für die Großmaßnahme gegen die Besetzer_innen vorzuschieben. Diese Räumung des Waldes aus plötzlich aufgetauchten, angeblichen Brandschutzgründen erfolgt im Nachgang eines Rekordsommers der Hitze und Trockenheit, der uns einen Vorgeschmack auf die zukünftigen, menschengemachten klimatischen Zustände gegeben hat und wegen dem es in ganz Deutschland zu großen Waldbränden und Evakuierungen von Siedlungen wie bei Potsdam gekommen ist. Diese Absurdität darf jedoch nicht verwundern: die rasant fortschreitende ökologische Krise ist einer der großen Elefanten im Raum, die unsere Zeit zu bieten hat. Würde man diese Elefanten in ihrer Banalität und Offensichtlichkeit anerkennen, stellte dies nichts minderes als die grundlegende Logik der kapitalistischen Reichtumsproduktion und -kontrolle in Frage: Akkumulation des Kapitals der Akkumulation willen, nicht zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Ausschluss des allergrößten Teils der Menschheit von der Nutzung der angehäuften Reichtümer zur Aufrechterhaltung einer irrationalen Eigentums- und Produktionsordnung, über Leichenberge hinweg. Zentralisiertes und dezentrales gewaltsames Vorgehen gegen all diejenigen, die in ihrem bloßen, facettenreichen Menschsein einer feindlichen Totalität kapitalistischen Wirtschaftens und ihrer öffentlichen Ordnung widersprechen.

Diese Totalität kennt keine Menschen, sondern nur Arbeitskraftbehälter, die die gerade herrschenden kulturellen Ausprägungen kapitalistisch-patriarchaler Erfordernisse ohne Bruch widerzuspiegeln und durchzuexerzieren haben: ob gesichtsloser Industrie-Lohnarbeiter im Produktionsheer, Hausfrau, Mutter und unsichtbare Nebenverdienerin, Performer in der Kreativbranche, ungelernte, unter Tarif bezahlte, „flexible“ Arbeitskraft ohne gültigen Aufenthaltstitel oder leitende Angestellte, die „Beruf und Familie unter einen Hut bringt“, also verschärft doppelt ausgebeutet wird und das für Emanzipation hält: nichts davon folgt den Wünschen, die Menschen an ihr Leben richten. Alles davon folgt dem keine Widerworte duldenden Zwang zur kapitalistischen Verwertung und dem von ihr angeordneten öffentlichen Frieden. Die Natur als eine unbedingte Ressource menschlichen Lebens und Glücks auf diesem Planeten ist, in dieser Logik, konsequenterweise ebenfalls nur zu beherrschender Störfaktor. Dabei übersieht die Logik kapitalistischer Reichtumsproduktion jedoch, dass die natürliche Umwelt nicht nur Grundlage menschlichen Daseins schlechthin ist, sondern auch Grundlage der Möglichkeit dieser unvernünftigen Reichtumsproduktion selbst. Sie ist endliches Raubgut dieser Eigentumsordnung. Die Unfähigkeit, vernünftig mit diesen endlichen Lebensbedingungen zu haushalten, ist dem Kapitalismus von Grund auf eingeschrieben: er interessiert sich für die rastlose Selbstverwertung des Wertes, nicht jedoch für das Leben. In der Form, in der die Natur durch Menschen zerstört und ausgebeutet wird, wird auch das Menschsein – sprich Emotionen und Bedürfnisse – durch die Menschen selber unterdrückt und verwertbar gemacht. Der Anfälligkeit dieser Gesellschaft zu menschenverachtenden Einstellungen liegt genau das zugrunde: nämlich Empathieverlust durch den Kampf gegen sich selbst.

Der Kapitalismus wird, unter allen Umständen, an seiner ihm inhärenten Zerstörung seiner Existenzgrundlagen scheitern. Die Frage ist nur, wann dies geschieht, wie destruktiv die Zerwürfnisse werden, die mit seiner Abschaffung einhergehen und ob danach noch ein Planet übrig ist, der von Menschen bewohnt werden kann – an dem sich menschliches Leben und Glück entfalten lässt. Die Räumung des Hambacher Forstes folgt dem vermeintlich sachlich begründeten Zwang dieser Gesellschaftsordnung, egal, ob er sich die Absurdität leistet, sich als Brandschutzmaßnahme zu verschleiern oder ob er offen politisch, als Verteidigung der Eigentums- und Produktionsordnung, gerechtfertigt wird. Wenn wir es nicht schaffen, der verselbständigten Dynamik dieser Ordnung mittelfristig einen effektiven Widerspruch entgegenzusetzen, der parteiisch ist mit den Menschen, die diesen Planeten bewohnen, werden wir nach der Selbstabschaffung des Kapitalismus einen wesentlich brutaleren Krieg des Menschen gegen sich selbst erleben, als wir ihn uns in unseren relativ befriedeten Zuständen in Westeuropa trotz Arte-Dokus über Failed States und Schwellenländer vorstellen können.

Egal, wie die konkreten politischen Zustände, Analysen und Praktiken unter den Aktivist_innen des Hambacher Forstes auch waren – die Besetzung des Waldes stellte über viele Jahre einen Zahn des Widerspruchs innerhalb einer alles beanspruchenden Logik menschlichen Miteinanders als verselbständigte Reichtumsproduktion dar, die droht, bei ihrer notwendigen Selbstabschaffung den Menschen mit in den selben Abgrund zu ziehen, in den sie stürzen wird.

Wenn wir als Antifaschist_innen gegen den Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft kämpfen, dann in dem Bewusstsein, dass die aktuelle, auch von den unterschiedlichsten liberalen Fraktionen als Bedrohung empfundene Entwicklung nichts anderes darstellt als einen Ausdruck der sich generell zuspitzenden Krise des kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaftssystems, inklusive seiner galoppierenden Zerstörung von Natur und Umwelt – d.h. eines Gesellschaftssystems also, das selber nicht mehr und auch nicht weniger ist als die fundamentale Krise des Lebens auf diesem Planeten.

antifa wendland, 16.09.2018